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21.06.2020
„Das war ganz großes Kino“

Off-Season Interview mit Dragons-Small Forward Jonas Herold

Tuna Isler (l.) zu Besuch bei seinem verletzten Flügelspieler Jonas Herold. (Fotos: Privat / DieDreiBeiden)

Dass am 8. März sowohl für die Artland Dragons als auch für Flügelspieler Jonas Herold die vorerst letzte Begegnung in der BARMER 2. Basketball Bundesliga ProA stattfinden würde, hätten vor der Partie gegen Paderborn wohl nur die kühnsten Pessimisten vermutet. Während der Spielbetrieb anschließend allerdings durch die weltweite Corona-Pandemie lahmgelegt wurde, erlitt der 25-jährige kurz vor Spielende in der Artland Arena hingegen einen Riss des Kreuz- und Außenbandes im linken Knie. Im Off-Season Interview spricht Herold nun über seinen Weg zurück in die Normalität, Mittagessen à la Mama und die Anteilnahme, die ihm von vielen Seiten zuteilwurde.

Jonas, inzwischen sind knapp drei Monate seit dem vielleicht schlimmsten Tag deiner persönlichen Basketballer-Karriere vergangen. Das Wichtigste vorweg: wie geht es dir heute?

Grundsätzlich geht es mir gut. Ich habe die ganze Sache verarbeitet, schlafe nachts gut und ohne Albträume (lacht). Ich bin noch immer auf die Unterarmgehstützen angewiesen, denke aber, dass ich auch diese bald loswerden kann. Kleine Strecken kann ich sogar bereits wieder eigenständig gehen. Zwar noch nicht total rund, aber wenn man auf eine angemessene Belastung achtet, läuft es sich bereits wieder ganz gut. Außerdem bin ich weiterhin mit Orthesen für das Knie und den Fuß unterwegs. Die brauche ich, da im Zuge der Verletzung ebenfalls ein Nerv eingeklemmt wurde. Dieser ist für das Anheben und Anziehen des Fußes zuständig, was bei mir derzeit noch nicht wieder möglich ist. Glücklicherweise hat der gequetschte Nerv aber keinen Schaden davongetragen, die Regeneration dauert dennoch recht lange. In naher Zukunft geht es darum die Gehhilfen komplett in die Ecke stellen zu können, anschließend geht es dann der Knieorthese an den Kragen. Mit der Schiene am Fuß werde ich allerdings noch etwas länger leben müssen. Es ist gut, nun auf dem aktuellen Stand und sich des kompletten Verletzungsgrades bewusst zu sein, im Nachhinein war es dann nämlich doch mehr als nur ein Schaden am Kreuz- und Außenband. Schmerzen habe ich jedoch schon seit langer Zeit nicht mehr, dazu machen mir die ersichtlichen Fortschritte Mut.

Zeichne doch einmal kurz auf, wie deine Reha seitdem verlaufen ist. Wo wurdest du beispielsweise operiert? Wo hältst du dich derzeit auf?

Operiert wurde ich im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In Sachen Knieverletzungen und Politraumata arbeiten dort die absoluten Experten Deutschlands, dementsprechend gut habe ich mich auch aufgehoben gefühlt. Der Chefarzt der dortigen Unfallchirurgie, Professor Dr. Karl-Heinz Frosch, hat mich operiert – ein totaler Knie-Virtuose. Die OP fand einen Tag vor meinem Geburtstag, also am 16. März statt, ich habe deshalb in der Vergangenheit definitiv schon rosigere Geburtstage gefeiert (lacht). Kurz danach setzte dann ja das Besuchsverbot aufgrund von Corona ein, ich habe letztendlich also mehr Zeit in Hamburg verbracht, als mir eigentlich lieb gewesen wäre. Etwa eine Woche nach der OP durfte ich dann zurück nach Hause und habe mich in Herford in die ambulante Sport-Reha begeben. Dazu kamen Stunden beim Physiotherapeuten und die Krankengymnastik, mein Programm war also schon ziemlich knackig. Seit Mitte Mai befinde ich mich nun bei Medicos.AufSchalke in der stationären Reha. Auch hier sind absolute Experten am Werk – eine Top-Adresse.

Auf wessen Hilfe und Unterstützung konntest du in dieser schweren Zeit setzen?

Natürlich auf die meiner gesamte Familie, sowie meiner Freundin. Ich bin unendlich froh und dankbar, dass ich mich jederzeit auf meinen engsten Kreis verlassen konnte. Sie haben mich in Hamburg besucht und sich auch zu Hause auf unfassbare Art und Weise um mich gekümmert. Das fängt mit den täglichen Fahrten zur Physiotherapie an und endet bei der noch viel wichtigeren moralischen Unterstützung. Auch wenn ich nie in ein Loch gefallen bin, haben diese Personen einen unfassbaren Anteil daran, dass ich jetzt dort stehe, wo ich stehe. Egbert Mastall als Osteopath und Heilpraktiker hat mich ebenfalls so gut es ging wieder in die Spur gebracht. Außerdem hat er mir ein Mikrostromgerät besorgt, das bei meiner Verletzung vielseitig einsetzbar ist. Er hat das Ding aus eigenen Stücken angeschafft und mir extra nach Hause gebracht. Auch ihm gilt ein großer Dank. Dazu kommen meine engsten Freunde, mit denen ich viel telefoniert und geschrieben habe, sowie meine Mitspieler. Robert Oehle, Chase Griffin und Paul Albrecht melden sich regelmäßig und natürlich auch Coach Tuna Isler und Geschäftsführer Marius Kröger. Tuna hat mich am Pfingstwochenende zu Hause besucht, was mit Sicherheit nicht selbstverständlich ist. Wir kennen uns zwar jetzt bereits seit drei Jahren, in denen sich ein sehr vertrautes Verhältnis aufgebaut hat, dennoch hat es mich sehr gefreut, dass er sich die Zeit nimmt und bis zu mir nach Bielefeld fährt. Wir sind im ständigen Kontakt, selbiges trifft im gleichen Maße auch auf Marius zu. Von Anfang an konnte ich mir ihrer Unterstützung sicher sein. Das Verhalten der beiden nach der Verletzung fand ich mit Abstand am beeindruckendsten – das war ganz großes Kino!

Die Dragons werden also ihrem Ruf als familiär geführter Klub gerecht?


Total. Die Dragons waren einfach in Gänze eine unfassbar moralische Stütze für mich. Unser Teamarzt Dr. Heinz Gerd Grotepaß hatte neben Marius, Tuna und meinen Mitspielern einen riesengroßen Anteil an meinem bisherigen Heilungsprozess. Zusammen mit Tom Mögel hat er direkt nach der Verletzung im Heimspiel gegen Paderborn mein Knie wieder eingerenkt. Das war natürlich schmerzhaft und alles andere als schön, aber dafür unheimlich wichtig. Je länger das Knie nämlich nicht am rechten Ort ist, desto größer sind die Schäden und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Folgeschäden für das Gelenk auftreten. Im UKE wurde mir später mitgeteilt, dass 14 Prozent aller Verletzungen dieser Art in Unterschenkelamputationen enden, falls nicht schnell genug oder falsch gehandelt wird. Der Doc hat allerdings direkt alles richtig gemacht und sich auch anschließend hervorragend um mich gekümmert, weshalb ich ihm umso dankbarer bin. Ich will nicht wissen, was hätte passieren können, wenn die beiden nicht sofort zur Stelle gewesen wären.

Du hast es eben bereits kurz angerissen. Inwieweit hat die Corona-Pandemie deinen Comeback-Plan bisher beeinflusst?

Zugegebenermaßen und glücklicherweise bisher gar nicht. Natürlich konnte ich meinen engsten Kreis in Hamburg nicht um mich haben, da ging es vielen Menschen aber auch nicht anders. Ich persönlich betrachte sogar eher den positiven Aspekt, dass die personellen Kapazitäten der medizinischen Einrichtungen, wie meine Sport-Reha in Herford oder das Medicos.AufSchalke, nicht hoch und somit nur schwerwiegendere Fälle vor Ort waren. Dadurch habe ich eine viel individuellere Behandlung erfahren, was mit Sicherheit nicht von Nachteil gewesen ist. Es ist mir trotzdem ein Anliegen auch an dieser Stelle zu betonen: es ist nach wie vor wichtig sich an die vorgegebenen Regeln zu halten. Als ich im Rollstuhl sitzend vor dem Krankenhaus frische Luft geschnappt habe, musste ich dabei zusehen, wie Coronapatienten in die Klinik eingeliefert wurden. Das ist kein Spaß, da rutscht einem das Herz ganz schön in die Hose. Deshalb meine Bitte: nehmt die Vorgaben weiterhin ernst!

Wie sieht dein Alltag derzeit aus?

Das Programm ist straff. Physiotherapie ist wirklich kein Spaß, oder anders ausgedrückt: die pure Qual. Aber so muss es sein, Fortschritt kommt nicht ohne Einsatz. Die Ärzte und Physios gehen auf keinen Fall zimperlich mit mir um. Wir starten meistens um 7:30 Uhr mit der ersten Physioeinheit, Pausen sind dazu selten – vielleicht mal zwischendurch 20 bis 30 Minuten. Bis mindestens 16:30 Uhr wird dann durchgezogen, es kann allerdings auch vorkommen, dass sich das Ganze bis 18 Uhr erstreckt. Von Physiotherapie, Krankengymnastik, über Übungen für das Knie in einer speziellen Schiene, oder Reizstrom- und Elektrotherapie, ist wirklich alles dabei. Ergotherapie, Gehschule, Beingymnastik, Aquajogging, Lymphdrainage – über aufkommende Langeweile kann ich mich wirklich nicht beschweren. Das ist definitiv kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit, die teilweise auch sehr schmerzhaft ist. Anschließend ist man verständlicherweise ziemlich müde, was mich allerdings nicht davon abhält noch eigene Übungen dranzuhängen. Ich bin in einem Hotel, direkt neben dem Medicos untergebracht, weshalb der Mix aus Arbeit und Entspannung definitiv gegeben ist. Wie lange ich noch hier sein werde, kann ich noch nicht sagen, weil die Absprachen mit den Ärzten von Tag zu Tag stattfinden. Die Wochenenden verbringe ich zu Hause in Bielefeld, was eine schöne Abwechslung zu den anstrengenden fünf Tagen in Gelsenkirchen darstellt. Auch dort mache ich meine Übungen, gönne mir aber definitiv ein Stück mehr Entspannung. Ich gehe beispielsweise zusammen mit meinem Bruder, der sich während der gesamten Zeit wirklich sehr fürsorglich gezeigt hat, und den Hunden spazieren und freue mich auf das Mittagessen meiner Mutter (lacht).

Zu guter Letzt: hast du ein paar Worte für die Dragons-Fans zu Hause? Dich werden nach der Verletzung ja einige Nachrichten erreicht haben…

Es waren nicht nur einige, es waren unfassbar viele! Nicht nur umgehend nach der Verletzung, sondern auch im Verlauf der vergangenen Wochen und Monate. Irgendwann konnte ich auf diese Masse gar nicht mehr antworten, nicht nur weil es so viele waren, sondern weil ich auch selbst zunächst mit der Situation klarkommen musste. Mittlerweile habe ich jedoch alle Nachrichten gelesen und mich über jede einzelne unglaublich gefreut. Jede Nachricht gibt mir ein stückweit ein bisschen mehr Motivation und Antrieb zurück auf das Parkett zu kommen. Ich habe den Support der gesamten Dragons-Familie gespürt: von Verantwortlichen, Mitspielern und den Fans. Ich freue mich darauf wieder im Artland aufzukreuzen und alle Anhänger wiederzusehen, am liebsten natürlich bei einem Spiel, bei dem wieder Zuschauer zugelassen sind. Dass ich mir die Zeit nehme, um mit allen zu quatschen, bin ich den Leuten einfach schuldig. Mein erstes Ziel ist es nun wieder alltagstauglich zu werden, anschließend schauen wir weiter. Aber ich garantiere allen: wenn es zu einem Comeback kommt, dann nur für die Dragons in Quakenbrück und nirgendwo anders. Deshalb nochmal abschließend: ein riesiges Dankeschön an alle Unterstützer und Fans! Passt weiterhin auf euch auf, wir sehen uns in der Artland Arena – egal was passiert. Wie sagt man so schön: Once a dragon, always a dragon.

 

 

 

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